Im Rahmen des Thementags Nachhaltigkeit am 19. März 2026 präsentierte Dr.-Ing. Steffen Blömeke des Instituts für Werkzeugmaschinen und Fertigungstechnik der TU Braunschweig einen Vortrag zu den wachsenden Herausforderungen in der automobilen Zulieferlandschaft mit besonderem Fokus auf die Leitungssatz-Branche.
Die Rahmenbedingungen für Entscheidungen in der automobilen Zuliefererlandschaft im Allgemeinen und der Leitungssatz-Branche im Speziellen werden spürbar komplexer: Gesetzliche Anforderungen werden anspruchsvoller und verändern die Erwartungen an den Umgang mit Treibhausgasemissionen, Rezyklatquoten sowie Nachweisführung und Transparenz. Gleichzeitig verschieben sich durch die Elektromobilität ökologische Hotspots zunehmend von der Nutzungs- in die Produktionsphase. Hinzu kommen schwankende Rezyklatqualitäten, welche Materialauswahl und Prozessfenster weniger robust machen, sowie eine wachsende Produktindividualisierung bei gleichzeitig diverser werdenden Funktionsanforderungen – eine Entwicklung, die insbesondere den Leitungssatz schon lange vor Herausforderungen stellt.
Was in der Vergangenheit oftmals über Erfahrungswerte, bewährte Konstruktionsprinzipien und lokale Optimierung beherrschbar war, wird heute zu einer multidimensionalen Entscheidungssituation: Design, Material, Topologie, Fertigungsroute, Lieferantenauswahl und End-of-Life-Optionen sind enger gekoppelt, und Trade-offs werden zur Regel statt zur Ausnahme.
Der Vortrag adressiert diese Herausforderung und geht der Frage nach, wie sich unter volatilen Randbedingungen und über Unternehmensgrenzen hinweg Entscheidungen treffen lassen, die technisch belastbar, wirtschaftlich sinnvoll und gleichzeitig ökologisch nachhaltig sind. Als Lösungsrahmen wird ein ganzheitliches Life Cycle Engineering vorgestellt, das Produkte und Prozesse systematisch über ihren Lebenszyklus betrachtet und methodische Werkzeuge bereitstellt, um Komplexität zu strukturieren, Perspektiven konsistent abzuwägen und Prioritäten faktenbasiert festzulegen. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Rolle moderner, rechnergestützter Ökobilanzierung (Computational LCA) als Engineering-Instrument, das nicht nur isoliert bewertet, sondern gezielt Entscheidungen – auch in frühen Phasen der Produktentwicklung – unterstützt.
Ergänzend wird dargestellt, wie digitale Fabriken durch die Erhebung von Energie-, Materialfluss- und Prozessdaten die notwendige Datenbasis schaffen und wie digitale Zwillinge und Datenräume als Infrastruktur den standardisierten Austausch nachhaltigkeitsrelevanter Informationen entlang der Lieferkette ermöglichen.
Zusammenfassend zeigt der Vortrag, wie sich Nachhaltigkeits- und Wirtschaftlichkeitsziele in der Leitungssatz-Branche systematisch zusammenführen lassen, um trotz wachsender Komplexität Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit zu bewahren und auszubauen.
Weitere Informationen zum IWF der TU Braunschweig finden Sie unter: www.tu-braunschweig.de/iwf